Infotext:
33 böse, kleine Geschichten von Gaunern, Huren, Halunken und Halsabschneidern, Geschichten aus schummerigen Kneipen, zweifelhaften Etablissements und finsteren Winkeln.
Aus der Ankündigung des Steegemann-Verlages:
„Serner trägt weder Brille noch Monocle. Er sieht durch ein Prisma die heliogabalischen Lüste der Kleinbürger, Literaten, Schieber, Hochstapler und Kokotten. Er umreißt und vernichtet diese Welt tragischer Lächerlichkeit mit einer Kunst, die ebenbürtig ist den besten Werken Heinrich Manns und Carl Sternheims.“
Alfred Döblin schreibt über diesen Band 1921 in der Neuen Rundschau:
„Als ich entzückt das Bändchen durchgeflogen hatte und fertig war, blätterte ich wehmütig hin und her, ob ich nicht eins ausgelassen hatte; ich hätte noch zu gern ein halbes Dutzend der scharfen, frechen, sicheren Bijous zu mir genommen.“
Eine Kritik von Christian Schad, Frankfurt a. M.:
Es sind ihrer nicht weniger als dreiunddreißig. Alle dreiunddreißig sind kurz, witzig, fein, neu und gemein [locker], Ihre Helden sind zarte Lumpen, überlegene Cocainisten, amüsante Tagediebe, geistreiche Zuhälter [Kokotten], trickschwangere Sadisten, graziöse Verbrecher. Jede dieser dreiunddreißig Geschichten ist wirklich hahnebüchen. (Sie sind unter dem überaus treffend gewählten Titel »Zum blauen Affen« bei Paul Steegemann in Hannover erschienen und kosten zwanzig Mark.) Ihr Verfasser ist der einigermaßen bekannte, sogar etwas berüchtigte Doktor Serner aus Karlsbad in Böhmen.
Ich begegnete diesem Herrn das letzte Mal vor dem Kaffee Esposito auf der Piazza S. Ferdinando in Neapel. Er ergriff nicht meine ihm herzlich entgegengestreckte Hand, lüftete nicht seinen Hut, er fixierte meine Krawatte, als drohe ihm von ihr ein gefährlicher Angriff, und sagte plötzlich sehr leise, aber dennoch deutlich: »Sie deutscher Maler, wenn Sie sich eine Hühnerleiter in den Himmel und eine Treppe in mein Herz bauen wollen, so setzen Sie sich augenblicklich so neben mich, als wären Sie mir von Gnaden der umbrischen Polizei beigegeben. Und wie geht es Emma, dem lieblichen Mädchen?« … Er ist wirklich so wie seine Geschichten: kurz, witzig, fein, neu und manchmal auch ein bißchen gemein [locker].
Dies wird er mit Vorliebe, wenn man ihn daran erinnert, daß er einmal das war, was er jetzt mit einer unnachahmlichen Krümmung der Unterlippe – seriös heißt. Dann beginnt seine Stimme, die man schwerlich vergißt, sich zitternd zu füllen, seine schlanken Finger verknüpfen sich fast und aus dem Gehege seiner Zähne bricht, wohl kontrolliert, eine wahre Flut vorzüglich stilisierter und noch weitaus vorzüglicher pointierter schwerer Anwürfe gegen alles, was da seriös sich gehabt, Seriöses startet und schwindelt und trickt und pathetet und dichtet und beischläft [küßt] und … kurz, er wird ein bißchen gemein [locker]. Aber er hat ein bißchen recht. Und er hat sehr recht, wenn man diesen meisterhaften Ausbruch auf das ergiebige Gebiet der jüngsten deutschen Dichtung lockt und nicht zuletzt auf das der Malerei. Dann hat er dermaßen recht, daß man daheim seine Bilder noch einmal besichtigt und nach langen Minuten inneren Kampfes … zwar fest bleibt, aber dem böhmischen Doktor dankbar ist und sich bekümmert fragt: »Was wird er nun wieder in Syrakus machen?«
Er ist nämlich konstant unterwegs. So wie seine Geschichten, in denen konstant jemand ankommt und wieder abreist und zwischendurch die hahnebüchensten Dinge sagt und tut. Es ist billig, zwanzig Mark zu bezahlen, um sie zu erfahren und die Erfahrung zu machen, daß es mehr Dinge zwischen Bett und Kaffeehaus gibt, als manch eine Schulweisheit sich träumen läßt. Und daß ein Schriftsteller, der die virtuose Beherrschung seiner Sprache hinter gewagten Saloppheiten verbirgt und die bewundernswerte des Lebens an dessen Gelichter erprobt, kein Dichter sein muß, um es zu sein.
Erstdruck der Buchausgabe: Paul Steegemann Verlag – Die Silbergäule, Hannover, 1921. Coverabbildung unter Verwendung eines Ölbildes von Ernst Ludwig Kirchner „Im Bordell“, 1913/1920 (Bildausschnitt / Ketterer Kunst). Coverbeschriftung gesetzt aus der Harvest. Schlussmusik: FoolboyMedia: New-York-Jazz-Loop.
Der Sprecher:
Holger Eberle, geboren 1972 in Baden-Baden, fand eher auf Umwegen zum Sprechen. Bereits während seiner Schulzeit stand er zwar regelmäßig auf der Theaterbühne, verfolgte diese Richtung jedoch nie ernsthaft weiter. Erste Erfahrungen als Sprecher sammelte er dann während eines Studiums an der PH Karlsruhe in den 2010er Jahren. Erst 2025, nach diversen Tätigkeiten im sozialen Bereich, erfolgte der Schritt vor das Mikrofon. Sein besonderes Interesse gilt literarischen Werken mit feinem Humor, skurrilen Figuren und psychologischem Tiefgang. Also genau dem, was Walter Serner in „Zum blauen Affen“ par excellence vereint.
Der Autor:
Walter Serner (1889-1942) war ein Essayist, Schriftsteller und Dadaist. Nach seiner Abkehr von der dadaistischen Bewegung wandte sich Serner dem Schreiben von Kriminalgeschichten zu. Sein Roman „Die Tigerin“ erschien 1925 und sorgte aufgrund des zwielichtigen Milieus und der sexuell offensiven Sprache für einen kleinen Skandal. Nur ein Gutachten von Alfred Döblin verhinderte, dass das Buch der Zensur zum Opfer fiel. Besonders gerne schrieb er Kriminalgrotesken, in denen er sich Porträts der urbanen Halbwelten widmete. Er selbst war ein gekonnter Hochstapler. Seinen Doktortitel verwendete er 1914, um seinem Freund, den Schriftsteller Franz Jung, ein ärztliches Attest auszustellen, damit dieser sich von seiner Truppeneinheit fernhalten konnte. Die Kriminalpolizei vernahm ihn später wegen des Verdachts der Beihilfe zu Jungs Flucht. Serner setzte sich in die Schweiz ab. Nach 1927 hat Serner nichts mehr veröffentlicht, lange Zeit galt er sogar als verschollen, aus dem öffentlichen Leben zog er sich vollkommen zurück. Seine Bücher landeten zeitweilig auf dem Index und wurden schließlich 1933 bei den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten mit verbrannt.
Heute weiß man, dass Walter Serner, der seit Ende der 30er Jahre in Prag lebte, 1942 mit seiner Frau zuerst nach Theresienstadt deportiert wurde und von dort weiter in den Wald von Biíernieki bei Riga. Dort wurden Walter und Dorothea Serner am 23. August 1942 zusammen mit 998 Leidesgenossen von den Nazis erschossen. Der Wald gilt als erster Ort, an dem die systematische Ermordung von Juden mittels Massenerschießungen durch das NS-Regime stattfand. Serners Werk lebt dennoch bis heute weiter – und ihm zu Ehren wurde der „Walter-Serner-Preis“ gestiftet.






